Alleine wohnen und selbstbestimmt leben trotz geistiger Behinderung

Dorstener Zeitung - Dienstag, 07. Juli 2020

Behindert zu sein, muss nicht automatisch heißen, für immer im Wohnheim oder bei den Eltern wohnen zu müssen. Für ein selbstbestimmtes Leben braucht es aber manchmal Helfer.

Nathalie wohnt noch bei ihren Eltern, aber das soll bald ein Ende haben. Die Kauffrau für Bürokommunikation ist auf der Suche nach einer eigenen Wohnung, aber das ist nicht leicht. Die 27- Jährige ist Autistin, hat trotz ihrer Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt bisher nicht Fuß fassen können. Sie arbeitet in der Behindertenwerkstatt. „Da fühle ich mich wohl, aber ich würde gerne nicht mehr abhängig sein vom Amt“, erklärt sie beim Treffen in den Räumen der Lebenshilfe an der Suitbertusstraße. 

Nathalie ist nicht die einzige Klientin des Ambulant Unterstützten Wohnens, die an einem Dienstagnachmittag bereit ist, Auskunft zu geben über die Arbeit der Lebenshilfe und die Wohn-Probleme von Menschen mit Behinderungen. Wir einigen uns darauf, dass in der Zeitung nur ihre Vornamen erwähnt werden, und hoffen, dass daraus niemand die Erlaubnis ableitet, behinderte Menschen einfach duzen zu dürfen. 

Lebenshilfe hat keine eigenen Wohnungen zu vergeben 

Nathalie, die andere Menschen am liebsten auf Abstand hält und aufgrund ihrer Erkrankung oft sehr ernst erscheint, mag es, komplett alleine zu leben. „Mama ist halt irgendwie immer da“, beschreibt sie den Zustand bei den Eltern. Aber es sei nicht leicht für Menschen mit einer Behinderung, eine Wohnung zu finden. 

Das bestätigt Oliver Gellenbeck zwar, berichtet aber auch von Vermietern, die sich bewusst an die Lebenshilfe wenden und Wohnraum für deren Klienten anbieten. Für Amella war bisher leider noch nicht das Passende dabei. Die Rentnerin wohnt in einer Wohngemeinschaft, die sie aber gern verlassen würde. Sie scheut das Alleinsein nicht, wenngleich ihr im Ruhestand schon manchmal langweilig sei. 

Zu Marcel kommen die Betreuer jede Woche neun Stunden 

Mehr Glück mit der Wohnung hatte Marcel: Seit dem 25. April 2013 lebe er nun schon in den eigenen vier Wänden, erzählt er wie aus der Pistole geschossen. Er fühle sich alleine sehr wohl. Neun Stunden Betreuung pro Woche hat er mit der Lebenshilfe vereinbart. „Zu mir kommen fünf Mitarbeiter“, berichtet er selbstbewusst.

Hilfe beim Online-Banking oder bei Einkäufen stünden dann auf dem Programm. Wenn der Verkäufer im Elektronik-Markt sich jedoch ausschließlich an den Betreuer wendet, macht Marcel auch schon mal darauf aufmerksam, dass er der Kunde sei. 

Betreuer wollen sich nach und nach überflüssig machen 

So selbstbewusste Auftritte freuen die Mitarbeiter, die Sozialarbeiter, Heilerziehungspfleger, Ergotherapeuten oder Studenten sind. Denn ihr Ziel sei es schließlich, erklärt Oliver Gellenbeck, sich nach und nach überflüssig zu machen. „Wir trainieren mit unseren Klienten eigentlich, dass wir eines Tages nicht mehr kommen müssen, sie aber zumindest das erreichte Maß an Selbstständigkeit erhalten können.“

Artikel Dorstener Zeitung
 
 
 
 

Lebenshilfe Dorsten e.V., Barbarastraße 70, 46282 Dorsten